Der Weg des Tees vs. die Kunst des Tees (茶道與茶藝)

Dieser Beitrag wird im Gegensatz zu den meisten Einträgen hier sehr theoretisch. Denn es geht darum meine Verbindung zu Tee etwas zu klären.

Oft wird das, was ich mit Tee mache, als Teezeremonie bezeichnet. Teilweise ist das durchaus gerechtfertigt, da ich mich tatsächlich an einem Art rituellen Ablauf bei der Teezubereitung halte. Andererseits streube ich mich sehr gegen diese Bezeichnung, da es in meinen Augen unglaublich anmaßend von mir wäre zu behaupten, dass ich nach so kurzer Zeit die vielen Regeln einer bestimmten Teezeremonie beherrschen würde. Was ich bisher beherrsche ist die Fähigkeit, gezielt zu erkunden, welche Bedingungen für welchen Tee geeigneter sind und diese Bedingungen dann so anszuwenden, dass der Tee so gut wie möglich schmeckt.

Das Wichtigste ist der Tee (最重要的就是茶).

Genau diesen Leitsatz zu verinnerlichen, das habe ich in der Zeit mit meinem Teelehrer gelernt. Auf richtige Armbewegungen, die möglichst graziös aussehen sollen, hat mein Lehrer nie Wert gelegt. Darauf, dass ich kein starkes Parfüm trage, nicht stark geschminkt bin und nicht zwischen den Aufgüssen etwas esse, schon. Denn, ganz davon abgesehen, dass ich sowieso eher der natürliche Typ bin, ging es ihm vor allem darum den Tee stets in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu richten. Klar, korrigierte er hier und da schon meine Haltung, aber meist ging es dabei um funktionelle, so gut wie nie ästhetische Aspekte: „Nimm den Arm etwas höher, damit der Tee als längerer Strahl aus der Kanne kommt, da die Tülle so eng ist.“

Das, was mein Teelehrer mir beigebracht hat, ist 茶藝 (cháyì), auf Deutsch Teekunst. Auch der Teeclub der Uni, an der ich mein Austauschjahr verbracht hatte, hatte etwas mit Teekunst zu tun und nannte sich 茶藝社會 (so etwas wie Teekunstgesellschaft). Man kann also sagen, dass ich während meiner Zeit in Taiwan eigentlich fast ausschließlich mit 茶藝 konfrontiert wurde. Erst als ich zurück nach Deutschland kam, stellte ich fest, dass hier oft vom Weg des Tees oder dem Teeweg die Rede ist, selten aber von der Kunst des Tees. Dieser Weg des Tees ist auf Chinesisch 茶道 (chádào). Nun habe ich mich schon sehr lange gefragt, worin genau der Unterschied dieser beiden Bezeichnungen liegt, denn, dass es einen geben muss war ich mir ziemlich sicher, da die Darstellung von Tee so unterschiedlich voneinander sind.

Eine Internetrecherche half mir nur bedingt weite: Auf deutschen Seiten gibt es so gut wie nichts zur Teekunst. Eine Ausnahme ist hier die Vorstellung des Onlineshops die Kunst des Tees. Dort wird geschrieben:

Hinter den Tees von die Kunst des Tees stehen vor allem kleine Teebauern und Teemeister, die ihre Tees komplett von Hand gefertigt haben. Wir haben vielleicht keine Zertifikate wie z.B. Bio oder Fairtrade auf Papier, aber ich kenne fast jede einzelne Person, die mit meinen Tees zu tun hat. Jede Tasse unserer Tees ist der Beweis der Leidenschaft und der Liebe die in ihm stecken.

Ohne, dass ich hier Werbung für diesen Onlineshop machen möchte, ist das das, was ich von meinem Teelehrer gelernt habe. Es ist außerdem das, was ich auch auf meinem Blog versuche zu zeigen, zum Beispiel mit der Vorstellung des Röstmeister Wangs oder des Keramikmeisters Wu: Jede bewusste Entscheidung seinen Tee genau so herzustellen, wie man es sich vorstellt, genau so zu rösten, wie es traditionell verankert ist und Teegeschirr zu verwernden, dass genau so den einzelnen Charakter des Tees hervorhebt, das stellt Tee in den Vordergrund und zeugt davon, dass Tee durchaus als Kunstobjekt betrachtet werden kann.

Was auf den meisten deutschen Teeseiten dagegen sehr oft verbreitet wird, ist die heilende Wirkung von Tee auf Körper und Geist. Ich kann nur aus eigenen Erfahrungen heraus bestätigen, dass Tee und dessen aufmerksame Zubereitung für mich sehr entspannend und möglicherweise sogar präventiv vor Erkältungen und derart schützend sind. Allerdings stellen sich mir die Nackenhaare auf, wenn Tee in die Esoterikecke gedrängt wird. Das ist vor allem so, weil die Aufmerksamkeit vom Tee selbst auf die Teetrinkenden verschoben wird. Plötzlich ist nicht der Tee am wichtigsten, sondern der Mensch. Es geht darum, dass sich der Geist durch konzentrierte Bewegungen beruhigt, dass die Umgebung gezielt wahrgenommen werden soll und dass sich dadurch, mit viel Übung, eine andere Lebensweise ergibt.

Diese Ideen der Zubereitung von Tee in zeremonieller Weise ist wahrscheinlich auch zu großem Teil durch die japanische Teezeremonie geprägt. Da ich mich weder mit japanischer Teezeremonie noch mit japanischen Philosphien bauskenne, kann ich mir hier schlecht ein Urteil erlauben. Was mich allerdings weiterhin an der esoterischen Vermarktung von Tee stört, ist dessen Verbinung mit religiösen Elementen. Nun mag meine Meinung zu diesem Punkt stark dadurch geprägt sein, dass ich mich selbst als Atheist sehe. Allerdings konnte auch mein Teelehrer mich mit seiner Meinung bestärken: Tee ist Tee, Religion ist Religion. Nun kann man natürlich beides, nach persönlichen Vorlieben, miteinander kombinieren. Tee aber automatisch mit religiösen Praktiken, wie zum Beispiel Meditieren, in Verbindung zu bringen empfinde ich als unpassend, da so der Tee lediglich als Mittel zum Zweck dient. Als wäre Tee die Lösung menschlicher Probleme.

Für mich ist Tee ein Genussmittel und ich finde als solches betrachtet verdient Tee nicht nur Aufmerksamkeit, sondern vor allem auch bewussten und verantwortungsvollen Konsum. Damit meine ich nicht, dass Tee ausschließlich in kleinen Mengen getrunken werden darf, sondern vor allem: zu wissen, woher der Tee kommt; zu wertschätzen, wie viel Arbeit in diesem Tee steckt; und zu erkennen, welche Bedürfnisse der Tee aufgrund seines Charakters hat.

Deswegen mache ich keine Teezeremonie, ich mache einfach Tee.

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