Besuch der Wu Gallery (吳WU 藝廊)

Was mich an Tee ja so fasziniert ist, dass dieses Thema von so vielen unterschiedlichen Seiten betrachtet werden kann: aus Sicht des Botanikers, der sich mit den unterschiedlichen Teestrauchvarietäten beschäftigt, aus Sicht des Teebauerns, der den Tee erntet und weiter verarbeitet, aus Sicht des Röstmeisters, welcher für die geschmackliche Weiterentwicklung des Tees zuständig ist, aus der Sicht des Keramikkünstlers, der sich mit dem passenden Teegeschirr und Teezubehör beschäftigt, und natürlich die große Gemeinsamkeit aller Teeliebhaber, die Sicht des Teetrinkenden, der auf der Suche nach dem besonderen Geschmackserlebnis ist. Darüber hinaus gibt es noch weitere, vor allem künstlerische, aber auch handwerkliche Bereiche, die mit Tee verbunden werden können: Musik, Malerei, Kalligraphie, Blumenkunst, Tischlerei, Weberei, Schneiderei, Räucherstäbchenherstellung, usw. Ist es nicht beeindruckend, wie Tee so viele unterschiedliche Interessen zusammenzubringen scheint? Und das zeigt mir mein Teelehrer auch jedes Mal, wenn er mir neue Teefreunde vorstellt.

Dieses Mal nahm er mich nach Yingge (鶯歌) mit, einem Städtchen in der unmittelbaren Nähe von Taipei, welches vor allem in Nordtaiwan sehr berühmt für seine Keramik ist. Vor drei Jahren war ich schon einmal dort und besuchte das wirklich sehr schöne Keramikmuseum, sowie einen sehr alten Meister für Tonkannen, worüber ich in meinem damaligen Austauschjahrblog geschrieben habe. Da mein Teelehrer aber nicht nur einen Keramikmeister kennt, ging es diesmal zu seinem Freund Meister Wu (吳明儀), den er bei seiner Weiterbildung zu Tee- und Teekunst kennengelernt hat. Zusammen mit seiner Frau, Meisterin Lai (賴秀桃), betreibt Meister Wu eine kleine, aber wirklich sehr beeindruckende Gallerie (吳WU 藝廊). Allerdings sei die wohl gar nicht so öffentlich zugänglich, meinte mein Teelehrer.

Teetisch vor beeindruckender Wand
Teetisch vor beeindruckender Wand

Das besondere an Meister Wu und seinen Werken ist, dass er sich ständig weiter entwickelt. Auch wenn er schon die 24. (!!) Generation seiner Familie ist, die sich mit Keramik beschäftigt, so unterscheidet sich sein Stil doch sehr beachtlich von seinen Vorfahren. Denn die meisten seiner Vorfahren arbeiteten mit Porzellan, wohingegen Meister Wu sehr früh schon das Steinzeug für sich entdeckte. Zu Teekeramik ist er aber erst vor kurzem gekommen. Angefangen hatte er mit gröberen Werken: Skulpturen, Brunnen, Wasserbehälter, große Gefäße, etc. Durch seine Liebe zum Tee und auch das Ärgern darüber, dass Teekeramik oft nur hübsch aussieht aber nicht unbedingt praktisch ist, hat er sich sehr intensiv mit Tee und dazu passender Keramik auseinander gesetzt.

Zubereitung von 20 Jahre altem Tieguanyin
Zubereitung von 20 Jahre altem Tieguanyin

Da mein Teelehrer zu jedem Besuch etwas Tee mitbringt, gab es natürlich auch bei Meister Wu eine Teerunde. Zur Feier des Tages, um das Ambiente und auch die Keramik ordentlich zu würdigen, gab es einen etwa 20 Jahre alten Tieguanyin. Wirklich etwas sehr besonderes!

Markenzeichen des Meisters Wu: das Wu Ti (吳題)
Markenzeichen des Meisters Wu: das Wu Ti (吳題)

Ebenso besonders ist das Markenzeichen von Meister Wu: das Wu Ti (吳題). Dieses an ein Männchen erinnerndes Zeichen kommt von seinem Namen Wu (吳). Oft wird das Markenzeichen aber als spiegelverkehrte Variante seines Namens verwendet. Zu beginn war das Wu Ti noch sehr starr und trat oft in seiner gewohnten Form auf, aber nach und nach wurde es lebendig. Denn irgendwie erinnert es ja doch an ein Männchen. Und so kann man das Wu Ti in der gesamten Gallerie in ganz unterschiedlichen Posen sehen. Mal lehnt es lässig an eine Kanne, mal klettert es die Treppenstufen hoch, mal scheint es Sport zu machen. Gleichzeitig hat es aber immer praktischen Nutzen: als Henkel an Teekannen fungiert es oft gleichzeitig auch als Halter für den Deckel, sodass dieser nicht separat festgehalten werden muss und die Kanne ausschließlich am Wu Ti gehalten werden braucht.

Frühling Chaxi
Frühling Chaxi

Vor der eigentlichen Teerunde wurden wir aber noch sehr ausführlich durch die derzeitige Ausstellung Chu Xin (初心) geführt, die unter anderem auch aus vier Chaxi (茶席, in Deutsch etwa Teegedeck), eins für jede Jahreszeit, bestand. Jede Jahreszeit wurde von Meister Wu ganz persönlich interpretiert und eigentlich müsste ich von jedem einzelnen Bestandteil der Chaxis Bilder machen, um die Details besser zu verdeutlichen.

Sommer Chaxi
Sommer Chaxi

Das besondere an diesen Chaxis ist, dass sie komplett von Meister Wu und seiner Frau gefertigt wurden. Sie malte für jedes Chaxi ein passendes Bild und half bei Details, er stellte sämtliche Keramik- und auch Bambuswaren selbst her.

Herbst Chaxi
Herbst Chaxi

Als ich mir diese wunderschönen Chaxis ansah, war mir klar, dass ich in der Welt des Tees noch eine ganze Menge zu lernen habe. Selbst mit meiner mittlerweilen ganz guten Sammlung an Teegeschirr, bin ich wirklich noch nicht in der Lage so bedeutungstragende Gedecke zu zaubern. Die Dekofee ist wohl noch nicht ganz so in mir erwacht.

Winter Chaxi
Winter Chaxi

Vom ersten Augenblick war mein Lieblingschaxi der Jahreszeiten der Winter. Allein die Kanne, als Herzstück, war der Wahnsinn. Auch wenn man das auf dem Bild wahrscheinlich nicht so genau erkennen kann, die Tülle, sowie die Halterung der Kanne waren zwar aus Keramik, aber so detailliert gearbeitet, dass man es locker mit Holz verwechseln konnte. Und auch den Ausgießer fand ich einen Traum: von außen leicht gräulich weiß war er innen nach unten hin ins Blaue gehend glasiert, sodass man den Eindruck hatte in sehr tiefen Schnee zu blicken!

Wenn ich also mal etwas mehr Geld auf meinem Konto habe, dann werde ich auf jeden Fall in Keramikkunst investieren!

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Ein Gedanke zu “Besuch der Wu Gallery (吳WU 藝廊)

  1. Hatt auch mein besonderes Teeerlebnis in Taiwan: War in einem sehr alten trad. Haus in Donauan (oder so ähnlich) eingeladen. Dort im „Wochnzimmer“ dass zugleich Mittelöpunkt des hauses, Esszimmer und Küche ist gab es eine alte Holztür – völlig unpassend in dem Raum. Bin dorthindurch mit einer Bewohnerin gegangen, die mir ihren Garten zeigen wollte. Dahinter war eine richtig große Tee- und Erdnussplantage. Echt unglaublich schön

    Mein „Teetrinkerlebnis“ hatte ich ebenfalls in Taiwan. In einer alten trad. Stadt in den Bergen saß ich in einem Teehaus auf der veranda und trank Tee aus einem Kermaikkessel, der über Steinen erhitzt wurde. Der frische Geschmak gepaart mit dem unglaublichen Ausblick auf den tropischen Wald Südtaiwans und den Wolkenbehangenen Berggipfeln machte den Geschmak noch authentischer. Das war besser als alles teure spezialgeschirr zusammen!

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