Bremer Sche(e)rkohl

Wer hätte es gedacht, dass mein allererster Blogeintrag auf meinem Teeblog eigentlich überhaupt gar nichts mit Tee zu tun hat. Also auf den ersten Blick. Im engeren Sinne. Allerdings hat es der Bremer Scherkohl (auch Scheerkohl, Schnittkohl und Schnittreps genannt) ja irgendwie geschafft, als erster hier beschrieben zu werden.

Am besten fangen wir da an, wo ich den Scherkohl das erste Mal sah: auf meinem lokalen Wochenendmarkt (der zwar auch dienstags und donnerstags da ist, aber ich geh da eben nur am Samstag hin). Bei meinem Lieblingsmarktstand des Vertrauenes stand, wie ich finde etwas abseits vom Schuss, eine Kiste voll mit Blattgemüse, dass irgendwie nach zu großem Rucola oder zu kleinem und zu zackigem Spinat aussah. „Scherkohl“ stand auf dem Schild, 5€ für das Kilo.

Bremer Scherkohl
Bremer Scherkohl frisch vom Markt

Nun gab es mehrere ausschlaggebende Punkte, die meinen Kauf des mir unbekannten Gemüses bewegten:

  1. Ich komme nicht aus Bremen und umzu und hatte aber irgendwann mal irgendwo, wahrscheinlich bei meiner Recherche nach typisch Bremer Essen, etwas von Scherkohl gehört. Und wenn es typisch Bremer Essen ist, dann muss ich das probieren (Knipp, Labskaus, Pluckte Finken und Kükenragout haben mich schließlich auch nicht abschrecken können!).
  2. Seit ich in China einen Geschmack von der Vielfalt der (vor allem kochbaren) Blattgemüsesorten erleben durfte, bin ich ein ziemlich großer Blattgemüsefan. Meine Liebe zu frischem Spinat, Rucola und Feldsalat ist grenzenlos, aber es gibt da auch noch Blätter, die ich nur selten oder eben noch nie probiert habe. Und auch wenn ich Blattgemüse super finde, stehe ich eher auf die gegarten Varianten als auf Salate. Als mir die Verkäuferin also sagte, dass Scherkohl zwar auch roh gegessen werden kann, oft aber ähnlich wie Grünkohl zubereitet wird, war der Kauf beschlossene Sache.
  3. Die Grünkohlsaison ist vorbei und man kann Scherkohl wie Grünkohl zubereiten. Gekauft!

Ja, und dann war ich mit meinem Einkauf zu Hause und wusste nicht so recht weiter. Also erstmal googlen. Auf meiner Recherche landete ich bei beim Slow Food Deutschland e.V., der den Bremer Scherkohl 2014 um dessen Erhalt in die Arche des guten Geschmacks aufgenommen hat. Ganz nach dem Motto „Was wir essen wird auch nicht vergessen“, soll man den Erhalt des Bremer Scherkohls mit Anbau und Erwerb auf dem lokalen Markt unterstützen. Eine gute Tat habe ich demnach schon mal erbracht.

Da es gar nicht so einfach war Rezepte mit Scherkohl zu finden, machte ich einfach das, was mir die Marktverkäuferin vorgeschlagen hatte: Mit Speck anbraten, ähnlich wie Grünkohl. Bevor der Scherkohl aber in die Pfanne wanderte, musste er erst noch für ein paar Fotos und natürlich den Geschmackstest im rohen Zustand herhalten. Roh schmeckt er wider Erwarten überhaupt nicht spinatig, sondern tatsächlich eher kohlig.

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Die einzelnen Blätter des Bremer Scherkohls

Da ich 500g gekauft hatte und das wirklich ein ganzer Beutel voll war, schnibbelte ich fleißig den kompletten Speck. Klar war mir bewusst, dass der Scherkohl eventuell einfällt, eben wie Spinat oder Grünkohl, aber dass mein speckiger Scherkohl dann so sehr mit Speck gespickt war hätte ich nicht gedacht. Die aber wohl größte, sehr sehr positive, Überraschung war der Geschmack des gekochten Scherkohls. Der schmeckte wie Choy Sum! Choy Sum ist eines der ersten Blattgemüse gewesen, dass ich in Südchina kennen gelernt habe und auch nach chinesischer Art zubereiten kann. Und ich liebe Choy Sum seit dem ersten Tag. Es ging sogar so weit, dass ich nach meiner Rückkehr aus Südchina eine nordchinesische Freundin mit meiner Liebe zu Choy Sum nervte, die aber überhaupt nicht wusste, wovon ich da eigentlich sprach. Denn Choy Sum ist die kantonesische Bezeichnung, wobei es auf Mandarin cài xīn 菜心 (wortwörtlich „Gemüseherz“) heißt und außerhalb von Guangdong kaum bekannt ist. Dass der Scherkohl so stark nach Choy Sum schmeckt ließ mich einfach nicht mehr los. Vielleicht sind die beiden Gemüsesorten ja miteinander verwandt?

Bremer Scherkohl mit Speck
Bremer Scherkohl mit Speck und Kartoffelbrei

Und ja, das sind sie tatsächlich! Zwar nicht so nah, wie ich es mir gewünscht hatte, aber sie sind immerhin aus derselben Gattung, der Kohlgewächse (Brassica). Während unser heimischer Bremer Scherkohl (Brassica napus var. pabularia) eine Rapsart, zusammen mit der Steckrübe und dem allgemeinem Raps, ist, gehört Choy Sum (Brassica rapa var. parachinensis) zu den Rübsen, zusammen mit Chinakohl und Mairübchen. In kurz, Scherkohl und Choy Sum sind sich so ähnlich wie Kohlrabi und Grünkohl oder Brokkoli und Rosenkohl.

Während meiner Recherche suchte ich auch auf der chinesischen Wikipedia nach Informationen und bekam da am Ende des Choy Sum-Artikels doch tatsächlich eine Übersicht der mit Choy Sum näher verwandten Blattgemüsesorten. Jetzt kann ich mich schon mal blattgemüsetechnisch auf den hoffentlich doch bald mal wieder kommenden Asienurlaub im chinesischsprachigen Raum vorbereiten. Super! Danke, Bremer Scherkohl. Ich glaub ich mag dich jetzt schon. Sehr.

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